Das Schwankbuch "Neithart Fuchs" - vom Lied zum Schwankzyklus.

Der funktionelle Bau des Schwankbuchs vom "Neithart Fuchs"

Ziel dieser Arbeit war die Beschreibung des Schwankbuchs „Neithart Fuchs“ in Bezug auf seinen strukturellen und intendierten Bau. Es war dabei nicht zu umgehen, zuerst eine inhaltliche Erschließung vorzunehmen, die auch in dieser Arbeit dokumentiert werden musste, da noch keine Fassung des Textes in neuhochdeutscher Sprache vorliegt und sich aus der jeweiligen Lesart die formale und ästhetische Kritik am Text ergibt. Erst nach dem ein Überblick gegeben wird, der also bereits erste Ergebnisse der Arbeit am Text versammelt, beginnt die Untersuchung der von Autor/ Kompilator des Schwankbuchs getroffenen Entscheidungen und ihrer Konsequenzen. Eine Formkritik ist ohne die Beachtung des Inhalts nicht möglich, also ist auch hier der Bau des Werkes nur in Bezug auf seine Wirkungsabsicht beschreibbar.

Quellensituation

Die ältesten Textquellen des Schwankbuchs liegen uns als Drucke vor. Der Inkunabeldruck z als frühestes Dokument stammt nach den Ergebnissen Dietrich Bouekes (2, S. 44 ff.), die auch Strohschneider (10) übernimmt, aus Augsburg, wo er bei Johann Schaur gedruckt wurde. Zur Datierung tragen die Verweisungen auf Philipp Frankfurters „Pfarrer von Kahlenberg“ und die verwendeten Holzschnitte bei.

Der nächste, uns vorliegende Druck z1 stammt aus dem Jahre 1537 (gedruckt in Nürnberg) und ist wie z2 ein in zwei Exemplaren vorliegender Druck aus Frankfurt a.M. von 1566, von z „abhängig“ (I: Einleitung von Bobertag, S.145) oder „stark abhängig“ (3, S.218). Bobertag hat für seine Ausgabe im „Narrenbuch“ (I) die Ausgabe z zur Grundlage genommen, Abweichungen in z1, z2 (bei ihm B,C) in die Fußnoten verwiesen. Dass es sich nicht um eine historisch-kritische Ausgabe handelt, spricht aus den selbst eingeräumten Veränderungen, die Bobertag in der Einleitung seiner „Neithart Fuchs“ -Ausgabe beschreibt: „wo dadurch ein annehmbarer Sinn erzielt ward, habe ich mir kleine Änderungen erlaubt“ (I, S.145). Diese Änderungen betrafen, so führt Bobertag aus, die Verwandlung von ‘ai’ in ‘ei’, die Ersetzung von ‘y’ durch ‘i’ und ‘j’, ein nicht näher beschriebenes ‘Aufräumen’ bei den Konsonantenverdopplungen, Berichtigung für ihn offenbarer orthographischer Fehler und die ihm „dem strophischen Bau sowie der altertümlichen Satzbildung der Lieder angemessen“ erscheinenden Notwendigkeiten, die er nicht näher beschreibt.

Aber Bobertag tröstet den zeitgenössischen Leser, „alle erheblichen Abweichungen meines Textes von der Vorlage habe ich ... angemerkt“. Da keine neuere historisch kritische Ausgabe vorhanden ist, muss ich mich allerdings auf die Bobertagsche Ausgabe beziehen.

Die schlechte Quellenlage bei deutscher Schwankdichtung bemängelt auch Rupp (8, S.30).

Zur Entstehung des Schwankbuchs, zu Drucker, Druckort und -jahr gibt es im Druck selbst keinerlei Angabe. Schon Lappenberg vermutete Augsburg als Druckort und datierte den Druck an das Ende des 15. oder an den Anfang des 16. Jahrhunderts. Walther Matthey hat endgültig nachgewiesen, dass es sich um einen Druck Johann Schaurs in Augsburg handelt. Er datiert ihn in die Zeit zwischen 1491-97.

Über die Zuschreibung zum Drucker Johann Schaur wird man so lange nicht hinauskommen, wie keine eigene Untersuchung über ihn vorliegt. 

Inhaltliches Erschließen des Schwankbuchs

Der folgende Abriss des Schwankbuchs dokumentiert die bei der Lektüre notierten Kurzbeschreibungen der einzelnen Kapitel und dabei entstandene Überlegungen zur Interpretation und Funktion der Kapitel in Abfolge und Gesamtzusammenhang. Wegen des großen Umfangs des Gesamtwerkes lässt sich diese Arbeitsstufe nicht überspringen, aus den zusammengetragenen Überlegungen wachsen die Schlussfolgerungen für die Analyse des strukturellen Baus des Schwankbuchs.

Abriss des Schwankbuchs

(I) Hosenschwank (als Einführung)

Der Ich-Erzähler führt sich nach einer ausführlichen, typischen Naturbetrachtung, die mit dem Frühling das Lob der Frauenliebe verbindet, als einen aus Meißen Abgewanderten ein, der auf Grund einer dunkel bleibenden Frauengeschichte in die Fremde zog, und nun nach Nürnberg gekommen ist. Er gibt an einem öffentlichen Ort eine Kostprobe seines Gesangs/ seiner Dichtkunst, erntet aber nur Spott dafür und einzig den guten Rat (ob dieser wirklich ernst gemeint war, ist fraglich), sich bei Hofe damit vorzustellen. Als Rache für die erlittene Schmach erfolgt nun der Handel, oder besser der Händel, um ein paar Hosen, der als Hosenschwank bezeichnet wird. Dadurch wird der Fürst auf ihn aufmerksam, bestellt ihn zu sich und bewirtet ihn.

Es handelt sich bei diesem Schwank um das, was Strohschneider in „Schwank und Schwankzyklus...“ (10) für den „Kalenberg“ einen „Initialschwank“ (S.154) genannt hat. Im Text zum Holzschnitt heißt es, der Fürst sei der Herzog von Österreich, und auch dem Helden wird hier der Name zugegeben: Es ist Neithart.

Die Problematik dieser Wechsel und Unstimmigkeiten in der Erzählperspektive setzt sich in den folgenden Kapiteln fort. Es ist nicht so, dass in der Vergangenheit erzählt wird und der Erzähler Neithart sein könnte, der seine Erzählung im Präteritum fließen lässt und das später Erfahrene einfügt. Denn an dieser Stelle zum Beispiel wird abrupt zur Benutzung der dritten Person übergegangen. Es ist die Haltung eines Beobachters der Taten Neitharts, der aber auch von den geheimen Taten und Gedanken Neitharts weiß.

Diese Haltung wird aber nun nicht etwa im Gesamttext beibehalten, sondern es erfolgt stellenweise ein einfacher Übergang von einer erzählenden Person zum Ich-Erzähler und umgekehrt, bis der Kompilator oder Autor des Gesamtwerks im letzten Kapitel endgültig die Erzählerrolle übernimmt.

(III) Veilchenschwank (b. Schuldzuweisung)

Die im dritten Kapitel fortgesetzte wörtliche Rede ist ein Beispiel dafür, wie problematisch die Abgrenzung dieser Kapitel inhaltlich ist. Sie werden eher formal getrennt; hier beispielsweise folgt eine paar/kreuz/paar-gereimte Strophe von 16 Zeilen Länge, die die Schuldzuweisung und den Racheschwur Neitharts aus der vorigen Strophe fortsetzt. Es wird aber auch durch den „fehlenden“ Natureingang der Zusammenhang betont.

(IV) Veilchenschwank (c. Die Rache)

Das vierte Kapitel, vor allem in Sechzehnzeilern mit Paar- und eingeschlossener Kreuzreimung, berichtet, ohne Natureingang, von einem Bauernfest, das am Tage nach der Schmach des Neithart stattfindet. Es werden wiederum sprechende Namen von beteiligten Bauern genannt; ein Jäger, der Zeuge des Treibens wird, meldet es dem Neithart, der sich nun seinerseits mit anderen Rittern aufmacht und die Beteiligten bis zur Verkrüppelung bestraft. Als eine stilistische Blüte erscheint der Reim Zeile 242, 244: Hier wird die Anzahl der Opfer mit in den Reim auf den Namen eines einzelnen genommen. Die Grausamkeit scheint also dem Autor keinen Sand in das Reimgetriebe geworfen zu haben. Der Bericht beschreibt die Taten Neitharts wiederum in der dritten Person, wie auch die freudigen Minen der Edelfrauen vom Beobachter in der dritten Person Plural gefasst werden.

(V) Veilchenschwank (d. Wiener Hof)

Ohne Natureingang beendet das fünfte Kapitel die Geschichte des Veilchenraubs in fünf sechzehnzeiligen Strophen (Struktur: vier Paarreime, ein Kreuzreim, zwei Paarreime). Neithart tritt hier als öffentlicher Sprecher auf („ich Neithart“ I: Z. 335), in dem er die ihm wiederfahrene Schmach am Wiener Hof vorträgt. Dass ihm die Herzogin inzwischen wieder gut gesinnt ist, beweist der Ich-Erzähler durch die Schilderung der guten Bewirtung und des schweren Weins, den er bis zum Rauschschlaf genießt.

Es wird der Ortswechsel zum Wiener Hof als zukünftige Heimstatt Neitharts vollzogen, die Erzählung der Veilchengeschichte verbindet mit den vorherigen Kapiteln, dient vielleicht als Prolog und zur Motivation seines bauernfeindlichen Wirkens. Die Wiederholung der Beschreibung der Veilchenszene bekräftigt Neitharts zukünftige Bestimmung, die für das restliche Geschehen des Schwankbuchs ausreichen muss. Neithart, der in Hofkreisen schon bekannt ist (I: Z. 290 ff.), lässt bei seiner Schilderung die vollzogene Rache an den Bauern unerwähnt, ein glänzender kompositorischer Schachzug, bleibt doch durch diese Leerstelle eine Spannung erhalten und damit ebenso eine starke Motivation für Neitharts weitere Strafexpeditionen. Die Veilchengeschichte wurde so zum „zentralen Handlungsantrieb“ (10, S.156) des vorher nur schalkhaften Helden in der weiteren Folge von Erzählungen.

Der Bauernfeind Neithart ist in dem ihm zugewiesenen Wirkungsfeld (Wiener Hof) angekommen, wo er die zukünftigen Taten seiner Biografie bis hin zur Grabstätte anbindet.

(VI) Neithart im Faß

Nach einem Natureingang Frühling werden in vorwiegend dreizehnzeiligen Strophen der Ort „Zeichselmaur“ (I: Z. 360) sowie die Gestalten Engelmar, Friederun und andere eingeführt. Das ganze Kapitel erscheint trotzdem unmotiviert und ohne Zusammenhang eingeschoben. Neithart gelingt es, in dem von den Bauern ihm streitig gemachten Gebiet nur mit Hilfe seines Knechtes (I: Z. 450), einer Übermacht von Bauern durch List und Tücke überlegen zu sein. Das Kapitel ist auch dadurch interessant, dass der Kompilator des Schwankbuchs einen alemannischen Dialekt zur Kennzeichnung der Bauernsprache benutzt (I: Z. 458-462), und dass der „Spiegelraub“ (I: Z. 431) wie etwas Altbekanntes erwähnt wird. 

(VII) Brautschwank

Im Anschluss an den dem Kapitel vorausgestellten Holzschnitt mit der eigentlich zusammenfassenden Kapitelüberschrift „Hie hat ein paur hochzeit und Neithart was die praut“ folgt nach der plumpen Einleitung „Nun herend aber newe mer:“ (I: Z. 463) in zweiundzwanzig neunzeiligen Strophen der Brautschwank (Reimstruktur aus umfassenden Reimen und Paarreimen), der nur durch das Schwankbuch vom Neithart Fuchs überliefert ist. Neithart sucht mit den sechzig Pfund Gewinn die Herzogin am Wiener Hof auf, um ihr von seinem Auftritt als Braut stolz zu berichten und ihr Lob zu erheischen. 

(VIII) Beichtschwank

In der selben Reimstruktur wie der Brautschwank folgt nun der Beichtschwank mit dazugehöriger Abbildung nach einem Sommerliedeingang. Wieder ist Neithart, vermeintlich zum Mönch bekehrt, nach Zeiselmaur gekommen, wo er auf seine Gegner trifft. In ihrer Beichte zeigen sie sich gänzlich unchristlich und gegen den Neithart Fuchs in Feindschaft verschworen. Auch Engelmeir trägt mit der Schilderung des Spiegelraubs dazu bei, dass Neithart fortzieht und sein Tun gegen die Bauern wieder aufnimmt. 

(IX) Mutter & Tochter 1

Im neunten Kapitel begegnet uns nach einem Sommerliedeingang ein inhaltlich echter Einschub in Form des ersten von insgesamt vier Mutter-Tochter-Dialogen in sechszeiligen Strophen, wohl weil diese Kunstform vom Publikum in einem Neidhart-Text gesucht wurde. Dieses erotische Intermezzo wird laut Kapitelüberschrift von Neithart selbst erzählt und hat meines Erachtens auch die Funktion, Neitharts Mönchexistenz vergessen zu machen, um mit dem nächsten Schwank im folgenden Kapitel fortzufahren.

(X) Jackenschwank

Nach einem Winter-Natureingang folgt in dreiundzwanzig fünfzeiligen Strophen die Geschichte von der Jacke des Engelmeir. Ort der Handlung ist wiederum Zeiselmaur, und wenn auch Neithart dieses Mal seinen Hauptfeind nur ängstigt und nicht verkrüppelt, so ist die Wirkung seiner Tat trotzdem nicht geringer. Neithart tritt wieder in einer Verkleidung auf und berichtet nach getaner Arbeit abermals am Wiener Hof von seinem Abenteuer. Man kann also sagen, dass sich spätestens hier ein festes Gefüge von beteiligten Handlungsmöglichkeiten und Orten ergeben hat, das dem Leser in den folgenden Schwänken immer wieder begegnet. Dabei glaube ich nicht, dass ein in diesem Maße gleichförmiger Handlungsablauf vom zeitgenössischen Publikum als Schwäche wahrgenommen wurde.

(XI) Bienenschwank

Nach einem Sommerliednatureingang wird in vorwiegend zwanzigzeiligen Strophen der Bienenschwank erzählt. Neithart begibt sich zu einem Bauernfest nach Marck auf das Marckfeld, um die wilden Bauern zu schlagen. Dabei sollen ihm Bienen als Instrument nützlich sein. Nach verrichteter Tat flieht er.

(XII) Kuttenschwank

Ohne Natureingang folgt nun der Kuttenschwank in vorwiegend neunzeiligen Strophen. Die Bauern, die hier als Konkurrenten beim Tanz und in der Stube (I: Z. 1231) auftreten, werden, nachdem Neithart ihnen starken Wein verabreicht und im Schlaf Mönchskutten angelegt hatte, zum Herzog nach Wien geführt. Dabei nutzt Neithart ihre Einfältigkeit aus, denn sie glauben ihm, wenn er sagt, er sei ihr Abt und sie selbst wären Mönche. Nach einem Ständchen beim Herzog führt er sie fort und offenbart ihnen die Wahrheit, worauf Engelmeir eingestehen muss, dass sie betrogen worden waren und nun dem Missetäter Unglück wünschen.

(XIII) Neithart erkannt als Jäger

In diesem Schwank (zuerst Natureingang Sommer, neun zehnzeilige Strophen) ist Neithart wieder bei einem Bauernfest in Zeichselmaur, muss diesmal allerdings seine Enttarnung geschehen lassen. Engelmar trinkt mit Neithart und nimmt ihm das Versprechen ab, von ihm niemals wieder in seinen Liedern verspottet zu werden. Als Neithart es verspricht, beschenkt man ihn mit einem Pferd und einem Gewand und lässt ihn ziehen. Obwohl Neithart den Kürzeren gezogen hat, kann er die Abmachung mit Engelmar/ Engelmeir umgehen („iecz heist ir der ungenante man“ (I: Z. 1450) und also durch seinen Scharfsinn Sieger bleiben.

Interessant ist, dass die Kunde von den Neidhartschen Spottliedern vom Wiener Hof bis zu den Bauern vorgedrungen ist. Es handelt sich hier um einen weiteren Kunstgriff des Kompilators, der die seit den Tagen Neidharts weit verbreiteten ‘Neidharte’ im Rahmen des Schwankbuchs aufgreift, und damit sogar eine Raffung erzielt, die die langjährige Rezeption des Ausgangsmaterials produktiv macht. Über die tatsächliche Verbreiterung des Rezipientenkreises kann Simon (9, S.230) einen schlagkräftigen Beweis bringen.

(XIV) Salbenschwank

Der Salbenschwank wird in fünfzehn vierzehnzeiligen Strophen mit Natureingang-Sommerlied erzählt. Als Kranker getarnt, reist Neithart zu den Bauern, die ihn aus Nächstenliebe gut empfangen und ihn nicht als Neithart erkennen. Engelmar beauftragt ihn sogar, Neithart mit einer stinkenden Salbe zu bestreichen und bezahlt ihn dafür. Als die Dörfler betrunken sind, straft Neithart sie mit der Salbe und zieht zum Herzog. Ein Bote kann Neitharts Tun bestätigen, und auch Engelmar sieht inzwischen ein, daß er wiederum auf Neithart hereingefallen ist. 

Der immer währende Konflikt geht weiter: Engelmar sinnt auf Rache, Neithart wird vom Herzog Otto zu weiteren Taten angespornt. In diesem Kapitel wird die Erzählperspektive des Neithart (Ich-Erzähler) durch Einleitungen in der dritten Person (z.B. I: Z. 1579) unterbrochen.

(XV) Puppenschwank

Der Puppenschwank wird in achtzehn neunzeiligen Strophen mit Natureingang-Sommerlied erzählt. Neithart schickt ein Gebet an Gott (3. Strophe), in dem er geschickt die Bauern ihrer Rolle als Opfer entbindet und betont, sie hätten sich als seine Todfeinde erklärt. Trotzdem wird auch in diesem Schwank Neithart zum aktiven Kämpfer gegen die Bauern. Er begibt sich als Krämerin verkleidet zu ihnen, hinterlässt einen Korb, wohl wissend, dass die Bauern in ihrer Neugierde und weil sie glauben, es befänden sich Spätzereien darin, den Korb aufbrechen werden. Die Bauern sind, als sie im Korb Puppen finden, die sie selbst darstellen, in wilde Angst versetzt. Engelmar will dies dem Herzog anzeigen, womit sich die Bauern zum Gespött des Hofes machen lassen müssen. Neithart bestreitet die Vorwürfe seiner lasterhaften Taten gegen die Bauern, verweist auf die Salbenpläne der Bauern gegen ihn und schwört auf lateinisch beim Hund des Herzogs einen Eid. Der Herzog steht zu Neithart und bestraft die Bauern mit einer Geldstrafe, zu zahlen an seinen Hund, wonach die Bauern nur noch abziehen können.

Was den großen Schrecken der Bauern ausmacht, und warum sie sich diesmal, ohne körperlich zu Schaden gekommen zu sein, beim Regenten beschweren wollen, ist noch genauer sitten- und kulturgeschichtlich zu beleuchten. Es ist zu vermuten, dass diese figürlichen Darstellungen den Bauern als Werk von Hexerei erschienen.

Wie Jöst (4, S.342) richtig herausstellt, ist diese Szene im Fußrelief des Grabmals im Wiener Stephansdom dargestellt, zeigt sie doch exemplarisch Neitharts Nähe zum Hof, seine gewissenlose Gegnerschaft zu den dummen Bauern und seine List.

(XVIa) Mutter & Tochter 2

Nach einer kurzen Winterklage wird das zweite Mutter-Tochter-Gespräch wieder in sechs neunzeiligen Strophen wie ein Einschub zwischen die Abenteuer Neitharts eingebracht. Die Tochter bekennt sich darin zu ihrer Hoffnung auf den in „Riwental“ (I: Z. 1874), während die Mutter ihr allgemein von der Minne abrät, sie aber besonders vor dem Verhungern im „Rewental“ (I: Z. 1877) warnt.

Es ist festzustellen, dass dieser Dialog in der Tradition der Sommerlieder 1 und 2 steht. Aber was ist mit dem Rewental gemeint? Zuvor ist betont worden, dass sich Neithart dort nicht mehr aufhalten darf, dass dort die Bauern Feste feiern. Also ist aus der alten Funktion, mit dem Rewental Neitharts Heimat zu kennzeichnen, inzwischen doch auch diejenige geworden, den Ort zu benennen, von dem Neithart vertrieben worden ist. Ursprünglich könnte also beabsichtigt worden sein, Neithart als einen für junge Frauen begehrenswerten Mann aufzuwerten. Ob allerdings der Leser des Schwankbuchs diese Andeutung tragikomisch verstehen konnte, muss zumindest offen bleiben.

Eine alternative Interpretation wäre diese: Die Mutter gebraucht absichtlich (kein Lapsus, bzw. Druckfehler) die der aktuell gebräuchlicheren Verbform des ‘riuwen’ (etwa mit alemannischen Einschlag) nähere Form von „Rewental“, um auf die Kümmernis hinzuweisen, die die Tochter dort nur vorfinden kann; während die Tochter nur den Ortsnamen „Riwental“ (also ohne inhaltliche Bedeutung) benutzt hat.

(XVIb) Vogelwunschtraum/ Bauernschlacht

In diesem Kapitel bleibt das Thema die Erotik, aber nur in Form eines Wunschdenkens. Es scheint Winter zu herrschen, da dem sehnenden Ich nicht der Gruß der Geliebten zuteil wird. So bleibt ihm nur, in vorwiegend neunzeiligen Strophen von dem Wunsch zu erzählen, durch die Verwandlung in Gegenstände (Schleife, Gürtel, Decke) oder in einen Vogel, der Geliebten nahe zu kommen, bis hin zum sexuellen Kontakt. Dieses als niederste Minne bezeichnete erotische Thema wird jäh durch die Allgegenwärtigkeit der Feinde, beginnend mit Engelmeier/ Engelmair, abgebrochen. Hier kommt am deutlichsten zum Ausdruck, dass Neithart versucht, seinen Mangel an sexuellen Kontakten durch Aggressionen und Gewalt gegenüber seinen Feinden, den ‘Verantwortlichen’ für seine missliche Lage, zu kompensieren. In der geschilderten Bauernszene, die mit der elften Strophe folgt, wird dann auch aus einem Tanz eine Prügelei unter Bauern, und deren Gesichter werden „von plut schwanger“ (I: Z. 1974). Gegen den Umstand, dass diese Rauferei unter den Bauern so brutal ausartet, hätte der Erzähler nichts einzuwenden, im Gegenteil, es war ihm leid, dass es nicht länger währte (I: Z. 1975), dass sie nicht alle Bauern gleichermaßen betraf.

So wird in einem Kapitel eine Verbindung hergestellt zwischen dem unbefriedigten Sexualleben des Helden einerseits und den vielen, aber nicht zu vielen Toten andererseits („ir wurden sechssreißig erschlagen,/ doch was es mir nit leide“ I: Z. 1980,81). 

Die Bauern schlachten sich selbst aus lächerlich geringen Anlässen ab, es gäbe aber, hier taucht der Spiegelraub noch einmal auf, für den Bauernfeind Neithart viele Gründe, dieses Schlachten fortzusetzen - all das in einhundertfünf Zeilen!

(XVII) Bauernschlachten

Zu den Gründen zählen für den Höfling auch das ständige Übertreten der guten Sitten durch die Bauern („o we, dir, armer hoffe sitt!“, I: Z. 2011), geschildert in den vorrangig zehnzeiligen Strophen des siebzehnten Kapitels. Scheinbar als unerkannter Besucher eines Bauernfestes berichtet der Erzähler von Emporkömmlingen und anmaßenden Bauern, die in der winterlichen Bauernstube mit „gogelheit“ (I: Z. 1998) und „vnfuge“ (I: Z. 2008) die „hofweis“ (I: Z. 2013) nachzuahmen trachten. Natürlich kommt es zu einem wilden Handgemenge, bei dem vierundzwanzig Bauern erschlagen werden. Als der Kampf zu Ende ist, reitet Neithart davon.

(XVIII) Schwerhörige Frau

Im achtzehnten Kapitel, das reichlich abrupt mit einem Sommereingang beginnt, verlagert sich das Geschehen wieder mehr hin zum Kreis des Herzogs von Österreich. Ein Bauer teilt dem Fürsten mit, dass des Neitharts Weib kaum eine Konkurrentin habe in „siben küngkreichen“ (I: Z. 2153). Dessen will sich der Herzog von Österreich natürlich mit eigenen Augen vergewissern. 

Die Falle des Fürsten wird von Neithart durchschaut und mit einer List, die sich wohl mehr gegen die bäuerischen Ratgeber als gegen den Herzog selbst richten soll, umgangen. Sowohl der Herzog als auch Neitharts Frau glauben voneinander, sie seien schwerhörig und schreien sich also an, was ihnen wenig Möglichkeit zu einem erotischen Gespräch bietet. Danach darf Neithart ein Lied über die Begebenheit dichten, das sich gegen die Bauern wendet. Außerdem ließ es diese Strophe zu, dass auch das Lob über die Frau Neitharts gesungen werden konnte.

Eine Verbindung zu den vorhergehenden Kapiteln wird hier dadurch hergestellt, dass der Bauer, der den Fürsten berät, als der ‘Ungenannte’ (I: Z. 2134) bezeichnet wird.

(XIX) von vier freidigen pauren

Nach einem Wintereingang stellt der Erzähler in fünf achtzeiligen Strophen seine anmaßenden Feinde dar. Vier von ihnen werden mit Namen genannt: Urlug, Wetterkrancz, Röczel und Gindelwein. Merkwürdig mutet an, dass nur einer von ihnen, nämlich Urlug, näher beschrieben wird. Er erhält die selbe Zeichnung wie andere bäuerische Gegner zuvor, eine Mischung aus Anmaßung und Tölpelhaftigkeit. Es verwundert, dass diese vier nur im wilden Tanz und nicht im gegenseitigen Morden vorgeführt werden. 

Dieses Kapitel leitet eine Reihe von Darstellungen tölpelhafter Bauern ein, nachdem die Reihe der Schwankerzählungen abgeschlossen wurde.

(XX) Hesellohers Lied

Mit dem vollständigen Zitat des dritten Liedes Hesellohers wird die Bebilderung von Tölpeln bäuerischen Ursprungs fortgesetzt. In den vorwiegend fünfzehnzeiligen Strophen wird ein grimmiger, streitlustiger Bauer beschrieben, der zwar bewaffnet umherläuft, aber kein Benehmen hat. Die typischen Vergehen der Anmaßung höfischer Rechte finden sich hier wiederholt (Tanz als Kampf, der Kirchentag als Ausschweifung, ungestüme Werbung, Trunksucht, das Tragen von den Bauern verbotenen Waffen...). Das Lied beginnt mit einem Sommerliednatureingang und kulminiert in der Nennung des Namens des Beschriebenen: der junge Glancze (I: Z. 2391). Der Einschub dieses nachweislich von Heselloher stammenden Liedes, das kaum sprachlich bearbeitet wurde und auch in seiner Reimstruktur aus dem Rahmen fällt, begründete sich mit dem Inhalt einer Bauernbeschreibung, die von Hans Heselloher im 15. Jahrhundert, als dem Winterlied Neidharts nachempfunden, gepflegt wurde (1, S.886).

(XXI) Amelreich

Beginnend mit einem Winternatureingang zeichnet das einundzwanzigste Kapitel in vorwiegend elfzeiliger Strophenstruktur weitere Feinde Neitharts. Dieser klagt über die Abwendung seiner Geliebten und verflucht seinen geschniegelten Kontrahenten Armelreich und dessen Freunde. Das Kapitel schließt mit der Bitte an Herzog Friedrich und Gott, sie zu vernichten. 

(XXII) 22 Bauern

Dieses Kapitel wird mit einem Natureingang eingeleitet, der für ein Sommerlied typisch wäre. Die Minneklage an „Frideran“(I: Z. 2528) endet abrupt, denn, so der Kurzschluss, die Gewährung ihrer „weiplich giet“ (I: Z. 2534) wäre ihm auch eine Hilfe gegen die Feinde. Zweiundzwanzig Bauern - man beachte die Zahlenkoinzidenz mit der Kapitelnummer - streiten sich, so wird erzählt, um ein Ei (I: Z. 2569). Engelmar tritt ebenfalls wieder auf. Auch hegt Neithart wieder die alte Wunschvorstellung, die gesamte Bauernschaft würde sich töten, was denn in beschriebenem Kampf auch beinahe geschieht.

(XXIII) Winterlied 14

Als erstes echtes Lied Neidharts erscheint hier das Winterlied in nur sprachlich erneuerter Form. Es fehlen die Strophen I a und II a/b und VI, sodass sich die Abfolge Strophen I, II, III, IV, V, VI a, VI b ergibt. Nach dem Winter-Natureingang erfolgt die Klage über die Bauerngecken, deren Namen verändert wurden. Die einsetzende Minne-Klage spricht vom Verlust der Frau, „der ich han gedienet her vom kinde/ und immer in dem willen pin/...sie ist in meinem herczen ingesinde“ (I: Z.2711-16), also von einer für den Helden an Wichtigkeit herausragenden Person, die er nicht hoch genug rühmen kann. Dieses Rühmen wurde im Winterlied 14 durch „od ich enkan niht spehen“ (II: WL 14; 56,21) und hier mit „edler kan ich nit sprechen“ (I: Z. 2724) relativiert. Der Unterschied zwischen den beiden Formulierungen scheint mir der einer genau gesetzten Relativierung und Orientierungsänderung im Schwankbuch.

Sprachlich verändert wurde auch der im Winterlied auftauchende Name des Ortes „Zeizenmûr“ (II: WL 14; 168,26), allerdings wird das „Zeiselmaur“ (I: Z.2777) genannte Dorf nicht im gesamten Schwankbuch in dieser Schreibweise behandelt, eine der vielen Unaufmerksamkeiten, Schwächen des Kompilators.

Interessant ist auch, dass der Kompilator des Schwankbuchs die Klage um das nicht vorhandene „eigen land“ (I: Z. 2720) neben der Anklage, den Neithart Fuchs würden neun Bauern den Zutritt zum „gei“ (I: Z. 2738) verwehren, stehen lässt. Hier, wie im Original, ist der Status, mit dem Neidhart/ Neithart Fuchs mit diesem Ort verbunden ist, zumindest ambivalent. Ist der Besitz in Zeiselmaur durch die Bauern verloren gegangen, wird Neithart Fuchs nun auch der Aufenthalt dort verweigert, und ist seine Klage eine Bitte um ein neues „eigen land“? Wie fügt sich dieser Sachverhalt nun aber in den gezeigten Lebenslauf ein, der Neithart Fuchs aus Meißen kommend über Nürnberg nach Wien führt, der Neithart nur durch die Veilchenschmach mit den Bauern um Engelmar in Kontakt treten ließ, die im Schwank „Neithart im Faß“ nach „Zeichselmaur“ (I: Z. 360) fuhren, um dort zu feiern?

Im 23. Kapitel finden wir, wie auch im Winterlied, keine Antwort, es wird stattdessen ein sinnloser Kampf unter Bauern beschrieben, die sich gegenseitig verkrüppeln. Hier zeigt sich die strukturelle Schwäche also in zu großer Treue zu den zusammengetragenen Quellen, hätte der Kompilator doch durch geeignete Ergänzungen Klarheit erzeugen können.

(XXIV) Winterlied 17

Das zweite übernommene Winterlied liegt in der Strophenfolge I, II, III, IIIa, V, V a  vor, die vierte Strophe des echten Neidhart-Liedes fehlt. Der Text ist wie der des Winterliedes 14 nur wenig verändert worden, wobei die Kapitelüberschrift Neithart als den Erzähler der folgenden Beschreibung eines „toelpel von Rewental“ (I: Kapitelüberschrift XXIV) benennt.

Der Winter als Natureingang erscheint nur als Zeit der „trueben tag(e)“(I: Z.2780), die typische Minne-Klage des Winterliedes setzt ein, und mit der (wiederholten) Erwähnung des langen Dienstes für die Frau, die den Helden nicht versteht, oder verstehen will, hat sich eine Verbindung zum vorherigen Kapitel ergeben, die zum einen über das Motiv der steten Minne und zum anderen durch die Erwähnung des Gesanges als Mittel der Werbung hergestellt wird. Die sonst einfach sich wiederholende Klage hat sich hier - durch die vorhandenen Motive - als ein zur Verknüpfung nutzbares Element erwiesen, dass der Kompilator gekonnt einsetzt. Für die sprachliche Erneuerung des Materials soll hier nur die Substitution des Wortes „minne“ (II: WL 17; 61,30) durch das Wort „lieb“ (I: Z. 2792) erwähnt werden. 

Der Gesang, den der Erzähler seiner Angebeteten im Sommer wie auch im Winter widmete, hat jedoch sein Ziel verfehlt, muss der Erzähler doch gestehen, dass seine Werbung von ihr nicht in dem Maße wahrgenommen und beantwortet wurde, wie er es beabsichtigte. Schuld daran sei, vermutet er entmutigt, seine fehlende Sanges/ Dichtungskraft und erwägt, sein Liedschaffen einzustellen. Da Neithart aber nicht Neithart wäre, wenn er nicht die ‘wahren Schuldigen’ an seiner Lage, die Bauern, bestrafen würde, geht er prompt zu einer neuen Verspottung der Bauern des „Rewentals“ (I: Z. 2814) über. Mit ihren verwegenen Tänzen in verrückten Schuhen zertrampeln sie das Besitztum Neitharts und verdienen sich einmal mehr seine Rache. Damit Neithart diese, ungestört wie zuvor, auch weiterhin ausüben kann, pocht er auf sein Recht auf „widerschlag“ (I: Z. 2844), wobei der „kaiser Karel“ (I: Z. 2844) als „Gesetzgeber“ zur Zeit des Schwankbuchs „sprichwörtlich“ (beides Formulierungen von Bobertag in I: Fußnote zur Zeile 2844, Seite 252), angerufen wird. Dies ist im „Neithart Fuchs“ gegenüber dem Winterlied 17 verändert worden, der Kompilator gibt dafür die Anrufung des „keiser Otte“ (II: WL17; 180,10) auf, der in den Lebenszusammenhang Neidharts gehört, dessen gesetzgeberische Kraft aber nach Ansicht des Publikums des 15. Jahrhunderts nicht so gegenwärtig ist, wie die Karls („Goldene Bulle“ 1356). Bei dieser Umstellung hat der Kompilator Weitsicht bewiesen.

(XXV) Wolkensteins Pareys

Als erstes von zwei zitierten/ übernommenen Liedern Oswald von Wolkensteins wird in diesem Kapitel das Lied „Ir alten weib“ (Kl. 21) in das Schwankbuch übernommen. Die Zehn Zeilen des Originals erscheinen kaum verändert, ein dem Natureingang Sommer ähnlicher Aufruf zur Freude richtet sich an alte und junge Frauen, die Erlösung vom Winter mit der Natur zu genießen. Der Rest der nun folgenden 159 Zeilen wurde (vom Kompilator?) hinzugefügt und beschreibt in bisher im Text des Schwankbuchs nicht vorhandener Weise ausführlich und drastisch erotisches Werben und Treiben des Erzählers, der nur in der Kapitelüberschrift als Neithart benannt wird. Hierbei spielen die Schuhe aus Paris, die der Sprecher seinem Mädchen für ihre erotische Bereitwilligkeit verspricht, eine untergeordnete Rolle.

Durch Sprache und Bilder, durch Form und lang ausbreitend-drastische Beschreibung des Liebesspiels fällt dieser Text eigentlich aus dem Zusammenhang. Auch die gehäuften Ortsnennungen (z.B. I: Z. 2975-2980) und ihre Formen, sowie die Ansiedelung der Freuden am „Reinstram“ (I: Z. 3981) machen den Text auffällig zu einem Fremdkörper. Warum der Kompilator diesen Text aber trotzdem aufgenommen hat, werde ich in der Beschreibung des folgenden Kapitels beleuchten. Der Titel dieses Kapitels aber und die Aufzählung fremder, ferner Ländern, in die Neithart Fuchs doch nie reisen konnte, ist er doch in Zeiselmaur und Wien ‘beschäftigt’, soll wohl die Weltgewandtheit des Helden betonen, die ja auch oft mit erotischer Erfahrenheit synonym gesetzt wird.

(XXVI) Wolkensteins Bad

Zum Ausgangspunkt für das 26. Kapitel des Schwankbuchs nahm der Kompilator Wolkensteins „Lied von der Graserin“ (Kl. 76). Ob es ihm schon in der völlig veränderten Fassung vorlag oder ob er diese erst erarbeitete, ist nicht zu ermitteln. Festzustellen ist jedoch die tiefgreifende Veränderung des Ausgangsmaterials, das nur noch wenig durchscheint. Hinzugefügt wurde gleich nach den ersten zwei Worten eine im Wolkensteinschen Werk nicht vorhandene Ortsangabe, der Fluss "Kastein"/ Gasteicher Ache (Fußnote Bobertag zu Zeile 3015 in I), ein Fluss im Gasteiner Tal in den österreichischen Hohen Tauern.

Beschrieben wird die erotische Begegnung der erzählenden Person mit einer Graserin/ Jäterin (7, S.75), die sich zwar von der Wolkensteinschen Beschreibung unterscheidet, in ihren Grundzügen aber insofern ähnlich ist, als dass die Episode zur beiderseitigen Freude ihren Abschluss findet, die Partnerin als attraktiv beschrieben wird, die sexuellen Fähigkeiten des Erzählers zu seinem Lob gereichen und dass keine Namensnennung der Beteiligten erfolgt, was der Kompilator des Schwankbuchs nutzt, dieses Erlebnis Neithart zuzuschreiben.

Neithart wird somit in seiner sexuellen Situierung aufgewertet, es ist ihm auch möglich zu dem Ersehnten zu gelangen (wenn ihm kein Bauer in den Weg tritt), auch außerhalb seiner Ehebeziehung ist er "ein toller Hecht". Der Text Wolkensteins gab wohl vor allem die Situation vor, so aß zu sagen ist, dass er nur zum Anlass für eine erotische Erzählung in Versen genommen wurde, die von dem Ausgangspunkt stark verschieden, aber nicht unbedingt literarisch minderwertiger ist. Wolkensteins Text war zum Entstehungszeitpunkt des Schwankbuchs wahrscheinlich noch nicht sehr bekannt. Von einer Parodie des vorhandenen Stoffs kann nicht die Rede sein. Der Kompilator nahm vor allem wahr, dass sich das Lied in der Tradition Neidhartscher Erotikdichtung einordnen ließe und übernahm es, um die wohl vorhandenen Publikumswünsche nach niederer Minnedichtung zu befriedigen.

(XXVII) Engelmars Tod

Mit dem siebenundzwanzigsten Kapitel wird der Handlungsstrang der Auseinandersetzung mit Engelmar wieder aufgenommen. In fünf zwölfzeiligen Strophen wird zuerst die Schöne Geliebte, allerdings als reine Frau, und ihr Wert für die Minne ausführlich gepriesen. Mit den Zeilen „ich han leider mich vergessen / gen meiner frawen, der ich sollte singen“ (I: Z.3063/64) wird die Folge erotischer oder „minigclicher“ Geschichten beendet. Der Handlungsort ist nun das Marckfeld und die Handelnden sind die sich prügelnden Bauern. Sehr zur Freude Neitharts endet die Beschreibung der Metzelei mit dem Schrei der „fraw“ Friderane „Engelmair ist leider tod!“ (I: Z.3096).

(XXVIII) Winterlied 1

Das dritte und letzte der im Schwankbuch zitierten Winterlieder Neidharts setzt hier erst mit der zweiten Strophe ein, wodurch der Winter-Natureingang beschnitten wird. Es bleibt der Anlass des typisch-winterlichen Geschehens: das Fest in der Bauernstube, zu dem der Erzähler ein neues Lied beisteuern will. Erstmalig wird das Alter der Beteiligten beiläufig erwähnt „junge(n)“ (I: Z. 3100), und zwar so, dass ich darin eine erste Andeutung des inzwischen älteren Sängers erblicke, gerade dadurch, dass er sich und seine Zunge als Gesangsorgan (pars pro toto) durch den Reim mit den jungen Zuhörern verbindet.

Das Lob des guten Hauses des Engelmar befremdet hier ein wenig, besonders da der Betreffende im letzten Kapitel gestorben ist.

Im Großen und Ganzen geht es bei dem Bauernfest wie gewöhnlich zu: Es entbrennt beinahe ein Streit unter den Bauern, die sich dann aber doch auf den wilden Tanz, ihre Stärke, stürzen. Besonders wird der „Lancz“ (I: Z. 3120 ff.) beschrieben, der sich wegen seiner verrückten/ geschmacklosen Kleidung für unwiderstehlich hält.

Warum Neithart hier als Sänger des Liedes unter den Bauern sitzt ohne von ihnen erkannt und bedrängt zu werden, bzw. warum Neithart sie nicht mit Grausamkeit verfolgt, findet vielleicht seine Antwort im Lied, in welchem er sie verspottet, einzig die „meid und junge weib“ (I: Z. 3147) für lobenswert schildert.  Um sie werben kann der Sänger hier wohl nicht (mehr).

(XXIX) Ballspielen

In dieser Strophe erscheint ohne Einleitung ein nebulöser Erzähler. Er berichtet von Ratschlägen seine Lieder betreffend, die nur die unnützen Bauern zum Inhalt hätten. Er beschließt, weiterhin, auch ohne Besitztümer zu haben, „schimpfliche lider“ (I: Z. 3167) „von warhaftigen dingen“ (I: Z. 3166) zu singen. In dieser Einleitung glauben Haupt und auch Bobertag die Worte des Herausgebers/Kompilators des Schwankbuchs zu hören.

In den vor allem siebzehnzeiligen Strophen gibt der Erzähler seine Ansicht vom neumodischen Ballspiel zum Besten. Er ist gegen dieses Spiel und zählt einige Gründe dafür auf, die mir nicht zu der Person des Neithart Fuchs zu passen scheinen. Die Gegner aus dem Dorf würden sich bei diesem Spiel beweisen können und die Achtung der Frauen erlangen, auch sei das Geschlechtergemisch im Spiel nicht zu ertragen, würden doch raue Kerle die Mägde umwerfen. Auch wenn er wohl zu Recht vor einer Verletzungsgefahr beim Ballspiel warnt, fällt dem Leser auf, wie wenig Spaß der Erzähler versteht. Das ganze Kapitel scheint mir also zumindest nicht in die Kette der hier versammelten Neidhartiana zu passen und ist ein Beispiel für den Sittenrichter, der hier den alten Neithart Fuchs darstellen will, aber eigentlich nur seine unbedeutende Kritik ausbreitet. Ob der Kompilator es selbst war oder ein Neidhartianer, die Entscheidung, dieses Kapitel aufzunehmen, scheint ein Fehler gewesen zu sein.

(XXX) Mutter & Tochter 3

Als weiterer Einschub folgt in fünf neunzeiligen Strophen nach einem Sommereingang der dritte von insgesamt vier Mutter-Tochter-Dialogen im Stile der Sommerlieder Neidharts. Während die Tochter darauf dringt, sich endlich auch einen Mann suchen zu dürfen, trägt ihr die Mutter an, damit noch ein Jahr zu warten, bis sie von ihr genügend beraten wäre.

(XXXI) Des Neitharcz gfreß

Der ungewöhnliche Text vom großen Fressen im Herbst folgt nach dem Lob des Sommers und dem sommerliedhaften vorherigen Kapitel. Er zeigt die Fressorgie in der Funktion, vor dem Winter Speck anzulegen und das Leben zu genießen.  Inhaltlich ist es möglich eine Brücke zum Mutter-Tochter-Gespräch hierher zu schlagen, sollte die Tochter doch auch ihre Reifezeit abwarten; hier sind die Früchte nun geerntet.

Mit zweihundertacht Zeilen ist dieses Kapitel eines der längsten des Schwankbuchs, obwohl es nur von den verschiedenen Leckereien sowie vom Trinken und der niederen Minne berichtet. Damit ist die riesige Menge der aufgenommenen Nahrung verdeutlicht. Insgesamt handelt es sich um einen sehr genussintensiven, die mittelalterliche Lebensart darstellenden Text. Wenn das übermäßige exzessive Essen als Lust/ Sexualkompensation gedeutet würde, könnte dieser Abschnitt zweckmäßig in das letzte Drittel des Schwank-buchs eingeordnet worden sein. Besonders, weil die erotischen Andeutungen Leerstellen bleiben: Einmal erfolgt nur die Aufforderung an die „baderin“ (I: Z. 3362), „dem man ein bette“ zu bereiten (I: Z. 3366ff.); auch beim zweiten Mal ergeht die Aufforderung eher an andere als an sich selbst.

Der Text findet sich auch in der „Kolmarer Liederhandschrift“ (Bl.69v) als „herr nythartz frass“ (1, S. 887).

(XXXII) Mutter & Tochter 4

Nach einem Sommereingang folgt dieser letzte von vier Mutter-Tochter-Dialogen in fünf siebenzeiligen Strophen. Wieder rät die Mutter der Tochter von der Minne ab, diesmal weil die Ausstattung noch nicht fertig ist. Die Tochter kann dabei auf ein negatives Beispiel in der Familie verweisen, warnt davor, auch bei ihr den richtigen Zeitpunkt zu verpassen.

(XXXIII) Bauerntanzunfall

In elf fünfzeiligen Strophen wird nun ein Bauernfest zur Weihnachtszeit beschrieben. Die zeitliche Einordnung geschieht im Text ohne einen Natureingang mit der Klage, die hierbei nicht zur Minneklage wird, sondern den unglücklichen, vertriebenen Zustand des Ich-Erzählers beinhaltet.

Als erster der in diesem Kapitel auftretenden vierzehn Bauern wird Renhart Leßel mit seiner geckenhaften Kleidung, die es erlaubt, ihn mit einem Vogel zu vergleichen, beschrieben. In einem Spinnhaus in der Schweiz treffen die Helden zusammen. Es sind dies, um die Namensnennung nachzuvollziehen, die wie in den Neidhartiana auch im „Neithart Fuchs“ auftritt, neben dem Renhart Leßel ein Haubügel, der Fricz, der Gimpel und der Gempel, Jaecklin Eissenstempfel, Wendelger, Schloegel, Humel Hagenpucz, der Hart, Ramel, Part, Richel, Wotschol, Heinczlin Gogelwart. Die Figur des Gogelwart wird nun weiterverfolgt, um dem eigentlich schon aussagekräftigen Namen noch eine Beschreibung hinzuzusetzen, was nach dem Satz „Si, warum heisset er der Gogelwart?“ (I: Z. 3562) kaum noch leichthin erscheint. Die Namensnennungen erscheinen hier wie im gesamten Schwankbuch ihre Komik verloren zu haben, was natürlich auch dadurch geschieht, dass der Autor des Schwankbuchs keine durchgängige Schreibweise für die Personen anwendet. Von Renhart, der nun den Nachnamen Loeßel trägt, wird noch gesagt, dass er sich beim wilden Tanz selbst verstümmelte. Interessanter im Zusammenhang mit dieser Tanzszene ist allerdings die Tatsache, dass in Zeile 3567 ein Spielmann namens Folcker, in Anlehnung an den Volker des Nibelungenliedes, auftritt.

Renhart Loeßel kann diesem Spielmann natürlich nur einfältige Worte zuwenden: Obwohl Folcker ein Saiteninstrument spielt, fordert Renhart ihn großsprecherisch auf: „pfeif auf“ (I: Z. 3569). Inwieweit damit dem Bauern ein bäuerisches Instrument zugewiesen und die Anmaßung gegenüber dem Spielmann veranschaulicht wurde, mag der Fachmann mittelalterlicher Musik entscheiden.

(XXXIV) Bauernfest

Nach der für das Winterlied typischen Klage wird in neun fünfzehnzeiligen Strophen zuerst Bericht von der Kritik an den Gesängen des Ich-Erzählers gegeben. In diesen hochinteressanten Zeilen (3597ff.) spricht wohl auch der Autor des Schwankbuchs, vielleicht auch nur die inzwischen einsetzende Kritik an den Neidharten. Als Grund für die eingestandene Schwäche von Gesang und Leben führt der Erzähler seinen rechtlosen Zustand an und wünscht sich die Hilfe des Fürsten Friedrich. Es handelt sich aber nicht nur um ein Rechtshilfeersuchen, das den Erzähler aus dem eigenen Kummer führen soll, sondern, wie in der Folge klar wird, um die Bitte, Neithart beim Kampf gegen die Bauern zu unterstützen bzw. nicht abseits zu stehen. Warum dieser Kampf nötig ist, wird auch an den unbotmäßigen Tänzen der Bauern wieder deutlich gemacht. Die Zeilen 3633-34 liefern den Beweis für die absichtsvoll-unrealistische Darstellung des Bauernlebens als ständiges Feiern und Raufen. Der Erzähler weiß, wo der eigentliche Ort der Bauern ist, und bezieht daraus Anklage und Komik: „die da mit dem pfluge solten pawen, / die wend nun reien auf des meien plan.“ (I: Z. 3633-34). Die realistische Darstellung des bäuerlichen Lebens und der wirklichen bäuerlichen Tätigkeiten in den Neidharten zu suchen, muss fehlschlagen. 

In diesem Kapitel wendet sich der Erzähler wiederholt und zunehmend gegen „Junge“. Das ist folgerichtig, weil der Held in der vorgetäuschten Biographie der Schwank- und Liedfolge älter geworden sein muss, ein Zeichen für den bewussten funktionellen Bau des Schwankbuchs.

Doch es treten auch strukturelle Schwächen zutage, scheint es doch, als wäre der inzwischen gestorbene Engelmar wieder unter den Lebenden. Bei einem Fest mit Waldbauern und Bauern aus „Zeichselmaure“ (I: Z. 3716), das auf dem Anger bei Potenbrun stattfindet, sind in der riesigen Menge der Dörfler, die teilweise wohl so närrisch sind, dass sie es vorziehen, in Lumpen einherzugehen, auch „edel frawen“ (I: Z. 3648) (womit keinesfalls mehr die höfischen Damen gemeint sein dürften, sondern die Neidhart-typischen Dorfschönheiten oder Landadeligen) wie die Angebetete des Erzählers: Frideran. Diese erscheint unter der Fahne der Tullner, die einen/den Spiegel im Wappen führen. Ist damit gemeint, dass sich Frideran mit dem Symbol ihrer Schändung schmückt, ist sie den Zeitgenossen, Lesern mit diesem Gegenstand verbunden/ bekannt?

An ihrer Schönheit scheint sich nichts geändert zu haben, sie ist der Grund für den Streit, der entbrennen muss. Warum ist Engelmar griesgrämig (I: Z. 3691)? Ist er eifersüchtig wegen der Blicke auf seine Begleiterin, oder weil sie ihn zurückweist? Es überrascht uns nicht, dass der zerschlagene Spiegel mitgeführt aber nicht seine Geschichte erzählt wird. Am Ende des Kampfes gibt es nicht nur unzählige Verstümmelte und zwanzig Tote, sondern auch einen Spiegel, dem noch ein paar Ecken mehr fehlen als vordem. Schließlich fahren die ‘Zeichselmaurer’, so sie noch am Leben, verwundet heim.

(XXXV) Bauernrache

Die nun folgende Erzählung verschiedenster Streitfälle von Bauern, die sich wegen Nichtigkeiten bekämpften, lässt Neithart Fuchs in den fünfzehn fünfzeiligen Strophen ebenfalls nicht erscheinen. Es ist das letzte der Kapitel, das die sich selbst, also ohne Neitharts Zutun, vernichtenden Bauern beschreibt, ohne Jahreszeitenklage/lob. Nur durch das Wiederauftauchen vorher erwähnter Figuren, die als solche keine besondere Zeichnung oder Individualisierung erfuhren, besteht eine Verbindung zum Gesamttext.

An entsprechender Stelle werde ich näher darauf eingehen, daß es nicht sinnvoll wäre, mehr zu verlangen, will man die Aussage, die der Gesamttextkorpus transportiert, erreichen.

(XXXVI) Der alte Neithart

Obwohl von einem Sommer-Natureingang eingeleitet, unterscheidet sich das sechsunddreißigste Kapitel in vielen Punkten von den vorhergegangen, auch insofern, dass das Lob des Sommers als das Ende der Leidenszeit auch die Erlösung vom Leben andeutet. „Niemand sol sein trauren tragen lenger“ (I: Z. 3792), ist einerseits die Verkündung des Winterendes, aber auch die Verheißung des Endes leiderfüllter Lebenszeit. Die Beschreibung der Minnelust des Sommers richtet sich mit der Aufforderung, sie zu genießen, an die jungen Leute. Damit wird auch klar, warum diese in den vorangegangenen Kapiteln vom Erzähler angefeindet wurden (I: Z. 3813), hier muss Neithart als Gutmeinender sprechen, ist er doch im Gespräch mit dem (jüngeren) „fürsten“ (I: Kapitelüberschrift). Neithart selbst kann die sexuellen Wünsche seiner Frau, vom Alter gebeugt und impotent wie er inzwischen ist, nicht mehr befriedigen. Dafür muss er Spott und Hass von ihr ertragen, weshalb er sich, obwohl er viel Gutes von ihr erfahren hat, von ihr trennen will. Dies alles gibt er wohlgemerkt im Gespräch mit dem jungen Fürsten an.

Nun scheint er zu bereuen, dass er dieser Frau und nicht Gott gedient hat. Eine Parallele dazu begegnete uns schon in den Schwänken. Während er im Kuttenschwank nur noch die Maskerade eines kirchlichen Würdenträgers wie jede andere Maskerade benutzt, um die Bauern zu foppen, war ja im Beichtschwank dem Leser glauben gemacht worden, Neithart Fuchs wäre ein wahrhaftiger Mönch geworden. Dieses geistliche Motiv findet auch hier einen raschen Umbruch: Gotteshilfe brauchte Neithart nur im Kampf gegen die Bauern, diesen unchristlichen Kampf bereut er nicht. Von Zeile 3842 an ist der Erzähler wieder der dem Publikum vertraute und inzwischen sein Wissen zusammenfassende Neithart Fuchs, Bauernfeind. Seine Rede findet zu den typischen Themen, Personen, Situationen, Aussagen zurück. Gott tritt also nur wieder auf, damit an ihn die Bitte gerichtet werden kann, die Bauern zu vernichten. Aber mit dem Ende der Bauern, mit der Erfüllung des Wunsches, von dieser „schwer“ (I: Z. 3879) befreit zu werden, wird die Todessehnsucht erinnert, die im Natureingang dieses Kapitels anklang. „so het ein Ende alle mein schwer“ (I: Z. 3879) ist als letzter Satz des Neithart Fuchs Erzählers an den Ende dieses Kapitels gestellt; jetzt kann nur noch der Abgesang folgen.

(XXXVII) Nachwort auf die Leiche 

Das Schlusskapitel, das der Kompilator des Neithart-Schwankbuchs in Paarreimen verfasst hat, setzt das Ende des Helden nach dessen Wunsch an. Dieser mag also in Erfüllung gegangen sein, kann der Leser glauben und weiß doch, dass dem nicht so ist. Nach dem Tode des Bauernfeindes hat sich die historische Situation zwar noch nicht grundsätzlich verändert, den Bauern kann aber nicht mehr mit den Mitteln begegnet werden, die dem legendären Bauernfeind zur Verfügung standen. Auch das Publikum hatte sich seit Neidharts Tagen verändert, nun sind es die Städter, die reicher gewordenen Bürger und Kaufleute, die eher eine Nähe zum Adelsstand oder dem vornehmen höfischen Leben suchen, als mit den Bauern solidarisch zu sein. Über die Bauern lacht man, obwohl man von ihnen abstammt.

Der Schluss dieses Buches hätte eigentlich eine Leerstelle aufweisen müssen, ist doch aus den Quellen nichts über das Ende der legendären Figur des Bauernfeindes und Sängers bekannt. Der Kompilator verweist aber erst recht auf die Quellen seiner Zusammenstellung. Zum einen betont er die Faktizität und Quellentreue, dann versucht er die historische Einordnung des Helden an den Wiener Hof: „und herczog Ott, der was sein herr“ (I: Z. 3886) und „herczog Friderichs diener“ (I: Z. 3893). Außerdem will er bestreiten, daß ein Unterschied zwischen Textwelt und realer Welt besteht: „Neithart, /der da ein ritter ist gewesen/ und abenteurig, als wir lesen“ (I: Z. 3881-83). Doch auch ein - ebenfalls auf einer historischen Figur beruhender - Text wird erwähnt: „der pfaff vom Kallenberg“ (I: Z. 3887), dessen lebensberichtlich-intendiertes Schwankbuch „Neithart Fuchs“ seine Nachahmung findet. Oder wurde nicht doch nur auf die historische Person verwiesen? Es war für den Kompilator aber auch unumgänglich, auf den „Kalenberger“ zu sprechen zu kommen, steht doch der listige Neithart Fuchs nicht so allein, wie es die Zeilen „also das man die zeilen hie auf ertreich/ gar hart hat funden sein geleich“ (I: Z. 3884/85) suggerieren. Beide sind so einzigartig, wie sie die Künste nicht erdenken konnten (I: Z. 3889). Dass die Darstellung dieses Heldenlebens nicht zu lang war, gibt der Autor kund, wenn er darauf verweist, dass man „in fru und spat/ zu singen und zu sagen hat.“ (I: Z. 3890/91). Das Leben Neitharts wird als „fart“ (I: Z. 3880) bezeichnet, jedoch ist das kein Argument für ein intendiertes Reiseschema. Vielmehr ist es hier in der Bedeutung ‘Kriegszug’ gebraucht, auch der Anklang an den Tod mag gewünscht sein. (7, S.264)

Zusammenfassend wird eine Grundeigenschaft Neitharts benannt: „list“ (I: Z. 3897). Jetzt leitet der Autor zu einem die Legende bereichernden Beweisstück über: dem Grabmal im Wiener Stephansdom.

Die Erwähnung des Grabmals im Stephansdom steht nicht allein in diesem Text in Beziehung zum Ritter Neithart Fuchs. Erhard Jöst weist in seiner Arbeit „Literarische und ikonographische Korrelation im Mittelalter“ (4, S.334 ff.) weitere Quellen des 14. und 15. Jh. nach, deren Verfasser in der Tumba den Ritter vom Hofe Herzog Otto des Fröhlichen von Österreich vermuten. Fraglich bleibt bei der Abbildung zum letzten Kapitel, warum ein Gitter um den Grabplatz im Stephansdom dargestellt ist, und warum der Stein in einer falschen Lage dargestellt wird. Vielleicht liegt die Antwort darin, dass der Kompilator und sein Illustrator das Wiener Grabmal nicht aus eigener Anschauung kannten. Das Gitter ist darüber hinaus vielleicht ein künstlerisches Symbol, wenn nicht die Säulen am Schauplatz dazu Anlass gaben (4, Abb. 1,2; S.337). Wird durch das Gitter hier vielleicht ausgesagt, dass der Verstorbene nicht mehr erreichbar ist, der Betrachter auf der anderen Seite bleiben muss, so wie auch die dargestellten Bauern? Ist die Überwindung dieser Trennung nicht ein eindrucksvolles Bild für den neuen Frevel? Ist die Existenz eines Gitters als ein künstlerisches Gestaltungsmittel nicht mit der Aussage verbunden, dass es da sein sollte, da sein müsste, um das Grab des legendären Neithart zu schützen.

Im Text wird unausgesprochen aus dem frevelhaften Vorgang eine weitgehende Aussage vom üblen Zustand der ‘Ordnung’ gewonnen, in der ein solcher Frevel möglich ist. Obwohl eigentlich kein Grund besteht, den Lesern den Hass der Bauern zu erklären, geschieht dies mit dem Hinweis auf Neitharts gerechte Rache für den Veilchenraub (I: Z. 3909), damit den Bogen des Werkes schließend. Die ‘Moral’ des Schwankbuches sieht erwartungsgemäß zweifelhaft aus. Der Autor überrascht mit:

„dennocht ist es gleich nach als vor,

darumb ißt ein jeder ein torr,

der sich iede sach kimeren lat

und lugt nit, was im woll anstat,

das er das selwig an sich naem,

oder, daz im sei wider zaem,

das er sich des selben ab tie.“ (I: Z. 3914-20)

Neithart wird trotzdem gelobt, wohl weil er einen Ruf erwarb, der nicht in Jahrhunderten verblasste. Das Schwankbuch schließt mit der Bitte an Gott, Neithart Ruhe und ewiges Licht zu geben, sowie Leser und Autor „in seiner pflicht“ (I: Z. 3941) zu haben.

 

Inhaltsübersicht (Kapitelübersicht)

Kapitel_Kurztitel_Zeilen

I_Hosenschwank_1.-112. (112)

II_Veilchenschwank_113.-191. (79)

III_Veilchenschwank _192.-207. (16)

IV_Veilchenschwank_208.-264. (57)

V_Veilchenschwank_265.-344. (80)

VI_Neithart im Faß_345.-462. (118)

VII_Brautschwank_463.-669. (207)

VIII_Beichtschwank_670.-822. (153)

IX_Mutter & Tochter 1_823.-924. (102)

X_Jackenschwank_925.-1039. (115)

XI_Bienenschwank _1040.-1218.(179)

XII_Kuttenschwank_1219.-1362.(144)

XIII_N. erkannt als Jäger_1363.-1452.(90)

XIV_Salbenschwank_1453.-1662.(210)

XV_Puppenschwank_1663.-1825.(163)

XVIa_Mutter & Tochter 2_1826.-1879.(54)

XVIb_Vogelwunschtraum / Bauernschlacht_1880.-1984.(105)

XVII_Bauernschlachten_1985.-2114.(130)

XVIII_Schwerhörige Frau_2115.-2277.(163)

XIX_von vier freidigen pauren_2278.-2317.(40)

XX_Hesellohers Lied_2318.-2391.(74)

XXI_Amelreich_2392.-2514.(123)

XXII_22 Bauern_2515.-2682.(168)

XXIII_Winterlied 14_2683.-2779.(97)

XXIV_Winterlied 17_2780.-2845.(66)

XXV_Wolkensteins Pareys_2846.-3014.(169)

XXVI_3015.-3038.(24)

XXVII_Engelmars Tod_3039.-3098.(60)

XXVIII_Winterlied 1_3091.-3153.(55)

XXIX_Ballspielen_3054.-3237.(84)

XXX_Mutter & Tochter 3_3238.-3282.(45)

XXXI_Des Neitharcz gfreß_3283.-3491.(208)

XXXII_Mutter & Tochter 4_3492.-3526.(35)

XXXIII_3527.-3581.(55)

XXXIV_Bauernfest_3582.-3716.(135)

XXXV_Bauernrache_3717.-3791.(75)

XXXVI_Der alte Neithart_3792.-3879.(88)

XXXVII_Nw. auf die Leiche_3880.-3942.(63)

 

Zusammenfassung und Analyse

Ob nun der Druck Schaurs oder eine Handschrift aus früherer Zeit die erste Quelle des Schwankbuchs wurde, der Autor ist nicht bekannt, wenn er nicht der Drucker selbst war. Gegen die Annahme Schaurs als Kompilator spricht die Erwähnung einer bis heute nicht aufgefundenen Handschrift des Schwankbuchs.

Aus dem Gesamtwerk lassen sich auf jeden Fall Aussage über den „Autor“ machen, wobei es natürlich kein Autor im Sinne neuzeitlicher Literaturproduktion war. Der Text und die Verwendung von Liedern Neidharts und anderer Autoren führten nicht nur zur Bezeichnung „Kompilator“ (3, S. 220), sondern ließen auch Literaturkenntnis und Kompositionstalent eines „Autors“ erkennen. Das gilt auch für die Auswahl der aufzunehmenden Neidhartiana „aus dem Wuste der überlieferten Gedichte“ (3, S. 220). Dabei rundete der Kompilator als Autor durch das letzte Kapitel („eine wenn auch nicht sehr hervorragende Gabe zu dichten“ [3, S. 220]) die Folge der einzelnen Texte ab, ist doch über den Tod der legendären Neidhart/Neithart Fuchs-Figur nichts überliefert. Durch die Eigenschaften des in den sprachlichen Veränderungen der verwendeten Texte aufscheinenden Dialektes, der alemannische Züge trägt, wie Brill nachweist, kann Augsburg als Ursprungsort des Schwankbuchs gelten, wenn der Druck die Ausgangsquelle nicht noch verändert hat.

Durch die Beimischung von erotischen Beschreibungen, bzw. deren Aufblähen hat der Autor zwar nicht mehr nur Neidharte verwendet, er muss auch riskiert haben, dass der kundige Leser den „Diebstahl“ aus den Werken Wolkensteins und Hesellohers bemerkt, er schätzte sein Publikum aber wohl nicht so ein, dass es etwas gegen dieses Vorgehen einwenden würde. Zum einen war das Nachsingen und Weitersingen/-dichten weitverbreitet und scheinbar nicht ehrenrührig, zum anderen schien das Publikum, das nun vermehrt „bürgerlicher“ wurde, nach den Ingredienzien zu verlangen, die dem heutigen Leser minderwertig oder obszön erscheinen. Diese Zielrichtung vorausgesetzt, war der Kompilator wirklich strukturell denkend und handelnd.

Außerdem traut der Kompilator dem zeitgenössischen Publikum die Kenntnis des Schwankbuchs „Pfarrer von Kahlenberg“ von Philipp Frankfurter zu, das in den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts entstanden ist. (6, S.479)

Inwieweit der Leser die höfische Dichtung der vorangegangenen Jahrhunderte gekannt haben muss, um das Schwankbuch etwa in seinem parodistischen Wert einschätzen zu können, kann hier nicht untersucht werden.

Der funktionelle Bau des Schwankbuchs

Das Schwankbuch lässt sich auf Grund der Typen der abfolgenden Teile in zwei fast gleich große Hälften zerlegen: Der erste Teil bietet Schwänke in Strophe I bis XVIII (2277 Zeilen), unterbrochen nur von den sommerliedhaften Mutter-Tochter-Dialogen in Kapitel IX und XVI a. (Das ergibt 2121 Zeilen für den reinen Schwankbereich.) Im zweiten Teil werden vor allem Lieder aneinander gefügt, es finden sich die drei echten Winterlieder 14, 17, 1 (in XXIII, XXVI, XXVIII), sowie die von Wolkenstein übernommenen (und ausgebauten/veränderten) Lieder (XXV, XXVI) und das Lied des Hesellohers (XX). (Zieht man das vom Kompilator/ Autor verfasste Schlusskapitel ab, bilden 1602 Zeilen den zweiten Teil des Schwankbuchs.)

Inhaltlich ergibt sich eine Dreiteilung: Zuerst die Einführung des Helden und der Initialschwank zur Motivation des folgenden Geschehens (Kapitel I-V), dann der Hauptteil mit der zur Biografie gefügten Sammlung verschiedenster Neidharte (VI-XXXV) und schließlich das Alter und der Tod des Neithart Fuchs (XXXVI, XXXVII). Aus der Zeilenanzahl der drei Abteilungen berechnet sich das Umfangsverhältnis von ca. 2:20:1 (344 Zeilen, 3447 Zeilen, 151 Zeilen).

Allgemein gilt wohl, was Strohschneider zum „Pfarrer von Kahlenberg“ festgestellt hat: „Ein gleichsam biographischer Entwurf verklammert... eine vieltaktige, handlungsreiche Erzählfolge von... bis zu seinem Alter und Tod“ (10, S.154). Der Beginn ist mit den „zweipoligen Eingangsgeschichten“ gesetzt, „am Anfang des Textes eine Ausgangssituation nicht vorausgesetzt, sondern erzählend erst geschaffen“ (10, S.154).

Insgesamt bleibt der episodische Charakter der Ansammlung und Verknüpfung von Schwänken und Liedern, um die im Mittelpunkt stehende Person erhalten. Zu einer Großform wird der Text vor allem durch seine Länge. Auch die häufige Verwendung der Bezeichnung ‘Buch’ in Zusammensetzungen zur Bezeichnung der Form oder Titulierung unter Umgehung wissenschaftlicher Termini weist auf die Schwierigkeiten hin, die sich aus der vorliegenden Form ergeben, wenn man versuchte, einen objektiven oder intendierten Rahmen zu finden, ohne abwertende Begriffe zu benutzen. Ich will allerdings nachweisen, dass der Kompilator das Schwankbuch nicht nur fehlerhaft ‘zusammenkleisterte’, sondern kompositorische Arbeiten mit dem heterogenen Textvorlagen vollzog. Die Gründe, die den Autor zu dieser Komposition geführt haben könnten, oder die zumindest der Wirkung des Textes nicht im Wege standen, also die von mir vermuteten Intentionen des Autors sind damit unauflöslich verbunden.

Das Schema der meisten Handlungsabläufe im Schwankbuch lässt sich laut Jöst schnell finden: 

„(1) Auf einen Natureingang folgen längere Passagen mit

  (2) Beschreibungen oder Beschimpfungen von Bauern, dann fügt sich

  (3) die Durchführung eines gegen die Bauern gerichteten Abenteuers an und schließlich beendet 

  (4) die Belohnung des Bauernfeindes durch den Herzog die Erzählung.“ (5, S.148)

Dass dieses Schema kaum genau genug ist, um die intensive Suche nach der Werkintention zu bestreiten, will ich es nur insofern nutzen, als die stete Wiederholung durchaus ablesbar ist. Sie drückt sich in Figurenstarre und Handlungsstarre aus.

Figurenstarre

Die „Typen“ in den mittelalterlichen Schwänken wurden von Rupp (8, S.40) als Rollenmuster bezeichnet, die nicht nur die Gestalten, sondern auch die Geschehnisse begrenzen. Die Typen „Bauern“ im „Neithart Fuchs“ sind nicht typisch für die realen Bauern; sie werden bewusst ihrer realen Lebensumstände beraubt, damit sie die Aussagen über „die Bauern“ transportieren können. 

Zur Typik des Schwankhaften gehört aber die Stilisierung der Gestalten (siehe 8, S. 39 f.)

Natürlich dürfen die Bauern, wie auch die Hofangehörigen des Textes nicht ihre Handlungsmuster überschreiten. Daraus folgt nicht nur die in der Neuzeit so oft kritisierte Schwäche des Werkes, langweilig und gleichförmig zu sein (was für das damalige Publikum vielleicht gar nicht bemerkenswert oder negativ war), sondern (neben den unten zu beschreibenden Gründen für die Gestaltung) wird Komik der Wiederholung ein und desselben Geschehens erreicht. Eine Wiederholung, die möglich ist, weil der Getretene nichts aus dem Fußtritt lernte und der Schalk ihn immer wieder neu hereinlegen kann.

Die Komik des Geschehens wird, wie Rupp (8, S.40) schreibt, auch dadurch erzeugt, dass es „nicht der Norm entspricht, aber trotzdem immer wieder und sehr oft geschieht“. Auch in heutiger Lektüreerfahrung zeigt sich, dass die absurde Häufigkeit der Blutbäder komischer Akzent wird.

Handlungsstarre

Die Starre des Handlungsablaufs fungiert als Bollwerk gegen die „Störung der gegebenen Sozialordnung“ (10, S.167). Gegenüber den vielfältigen Provokationen und Normverstößen der Bauern beharrt Neithart Fuchs stoisch auf dem Mittel der Gewalt. So wie sich die „Vitalität des bäuerlichen Aufbegehrens“ (10, S. 168) in den übermütigen Festen ausdrückt, wo sich in Ermangelung äußerer Feinde die Bauern auch selbst bekämpfen, drückt sich die reuelose Grausamkeit gegen den niedersten Stand in Neitharts immer gleichen, wenn auch durch List variierten Kriegszügen aus. Die Gleichförmigkeit der Handlungsweise findet sich besonders bei Neithart, der außer fiktional-biografischen Motivationen sittlich-moralische Gründe anführt. Die Automatisierung der Gewalt schafft ein Bild einer Bestrafungskonsequenz, wie sie die Gesetze in heutigen Tagen darstellen, welche die Strafandrohung und Strafwürdigkeit zu einem System vereinen. Wie sehr dieses ‘Neithartsche Gesetz’ aber den sozialen Zuständen und den potenziellen Machtkonstellationen der Zeit vor dem Bauernkrieg hilflos gegenübersteht, verdeutlicht die hohe Zahl der Opfer, die der eine Ritter unter den Bauern verursachen muss, um die Ordnung zu gewährleisten. So wie also die bäuerliche Bevölkerungsgruppe dem Adel anzahlmäßig weit überlegen ist, wachsen auch im Schwankbuch die Feinde Neitharts nach. Die Bauern, die sich ihrer Kraft noch nicht bewusst sind, erheben sich nicht gegen den Adel, verstoßen aber massenhaft gegen dessen Gesetze (z.B. Besitz, Tragen von Waffen). Dass Neithart in seinen Beschreibungen der Bauern Nichtigkeiten breit verspottet, auf die der Ordnung wirklich gefährlichen Übertretungen nur nebenbei zu sprechen kommt, zeigt eher die Angst vor der potenziellen Macht der Feinde, die eben deshalb für geringste Vergehen hart bestraft werden müssen. Die Kultur ist nur ein Nebenschauplatz, der durch die Dokumente der Überlegenheit leicht gewonnen werden soll. Aber ist die höfische Kultur wirklich durch die Bauern vernichtet worden, worauf der Text insistiert? Bewegt sich nicht der Held außerhalb der höfischen Moralvorstellungen mit besonderem Vergnügen (erotische Erzählung)? Gerade weil die Lebenskraft des Adels und so auch dessen Kultur und Moral inzwischen schwindet, wird immer wieder betont, wie fragwürdig, ja nichtswürdig die bäuerliche Kultur ist. Eben da sich in den lebensfrohen Festen und Tänzen eine enorme Kraft zeigt, die nach Freiheit drängt (so wie die Tänzer immer höher springen), wirken Neitharts Klagen über die Kulturverstöße lächerlich und schwach.

Teilweise wirkt die Zahl der Opfer grotesk, muss ‘komisch geerdet’ werden; ebenso muss die Welt der Bauern falsch dargestellt werden, ihre Handlungsmöglichkeiten fern von der harten Arbeit und den üblen Lebensumständen gezeichnet werden. Dass der „Neithart Fuchs“ kein realistisches Bild von der bäuerlichen Lebenswelt gibt, ist kein Makel, sondern notwendiges Gestaltungsmittel. Die Bauern stehen in ihrem Handeln vor einem Qualitätssprung, sie sind noch nicht die militärischen Feinde des Adels, der in ihnen längst seinen Totengräber strafen will und im Kampf gegen die Veränderung nur auf das Beharren auf alten Handlungs- und Misshandlungsmethoden setzt. Aber das geht zu Ende, weiß auch der Kompilator und zeigt erstaunliche gestalterische Cleverness, wenn er dem Tod des Helden ein produktives Element für die Gesamtaussage des Schwankbuchs abgewinnt. Die Bauern führen ihren Kampf weiter, so deute ich sein Schlussbild, es muss also auch der Kampf gegen sie weitergeführt werden, auch wenn Neithart Fuchs tot ist. Der Konflikt wird über die Lebenszeit hinaus verlängert, er dauert bis in die Zeit des Erzählers an, er wird andauern. Auch hier bleibt das Bild (beabsichtigt?) ambivalent, denn der Kämpfer des Adels ist nicht mehr, und keiner vertreibt die Bauern aus dem Gotteshaus - eine Welt ohne Ordnungsmacht, eine Schwäche der Herrscher!

Motivstränge 

Motivstränge, die das Schwankbuch strukturieren, sind vor allem folgende:

1. Rache und Grausamkeit: 

Neithart Fuchs/ der Erzähler begründet seinen Kampf gegen die Bauern, der ihn so auszeichnete, dass ‘Bauernfeind’ ihm zum Beinamen wurde, mit der Ur-Untat des Veilchenraubs. Das zweite Motiv für seinen Groll, der Spiegelraub an Friderun überlagert diesen Frevel teilweise und scheint hier und da noch auf (je nach Lage in den verwendeten Texten, die in dieser Hinsicht nicht geglättet wurden). Außerdem wird behauptet, dass die Bauern ihn von seinem Besitz fernhalten wollen (Kapitel XXIII- WL14). Ob das nun aber eine Reaktion auf Neitharts Streiche ist oder eine weitere Ursünde, die an keiner Stelle im Buch erzählt wird, bleibt offen.

2. Minne und Erotik:

Außer in den Mutter-Tochter-Gesprächen in der ersten Hälfte des Schwankbuchs (Kapitel I-XVI a; Schwankreihe) sind Sexualität oder Minne kaum direktes Thema. Einzig der Grund seiner Abreise aus der Heimatstadt Meißen wird im ersten Kapitel unklar mit einer Frau in Zusammenhang gebracht. Durch die Natureingänge der Kapitel ist die Minne, wie auch die Erotik aber ständig im Schwange. Spätestens mit dem „Vogelwunschtraum“ in Kapitel XVI b bricht die Thematik massiv hervor, um sich in Gewaltbeschreibung fortzusetzen. Dabei werden zwei Pole deutlich: Die Bauern als Kontrahenten oder Störenfriede, die Neithart nicht zum Ziel kommen lassen, müssen grausam bestraft werden; die Bauern werden so grausam bestraft und die Gewalt so ausführlich beschrieben, dass die Libido-Kompensation als Hintergrund deutlich wird. Darauf weisen meines Erachtens auch die Verstümmelungen hin. Diese beiden, den Kritikern dieses wie des vorigen Jahrhunderts besonders übel auffallenden inhaltlichen Aspekte erscheinen mir aus ein und der selben Quelle zu stammen, der Zusammenhang wird bewusst gesetzt und auch als Anlass für Witziges benutzt und wahrgenommen. Sicher liegen auch andere Ursachen für die Bauernfeindlichkeit des Helden vor (siehe 1.), die besondere Drastik der geschilderten Vorgänge findet hier aber einen, wie ich meine, entscheidenden Grund. Minnewerbung tritt auch durch die, besonders im zweiten Teil des Schwankbuchs ausgebreitete, erotisch-anzügliche Darstellung in den Hintergrund. Unstimmigkeiten ergeben sich aus dem Ehestand des Helden, wie er im Kapitel „Schwerhörige Frau“ und „Der alte Neithart“ beschrieben wird. Scheinbar reicht Neithart seine schöne Frau, die sich doch durch Schönheit auszeichnen soll, nicht aus. Es ist festzustellen, dass die erotischen Abenteuer Neitharts ihren Reiz nicht vorrangig aus dem Ehebruch erlangen. Spricht zwar die Einschätzung des Geschehens im XXVI. Kapitel als „schimpf“ (I: Z. 3038) von einem wahrgenommenen Moralverstoß, so wird der Leser hier nicht in erster Linie an das Thema des Ehebruchs denken, wie es Rupp als „nicht-ausgesprochenes oder ausgesprochenes“ (8, S.34) allgemeines Hintergrundmotiv der erotischen Schwänke vermutet. Außereheliche Kontakte werden gesucht und gepflegt, bis Neithart seine Manneskraft verloren hat. Das Schwinden seiner Kräfte wird einerseits in seiner zunehmend inaktiven Rolle deutlich gemacht, etwa im Winterlied 1, das im Schwankbuch im letzten Drittel erscheint (Neithart ist nun nur als Spötter und Sänger aktiv). Neitharts Beschreibungen und seine Zeit- und Sittenkritik stehen im Mittelpunkt und haben das Handeln ersetzt (XXIX, XXXIII ff.). Aufforderungen zum erotischen Tun ergehen an andere, bzw. es werden Erfahrungen an Jüngere weitergegeben (XXXVI), die im letzten Drittel zunehmend und notwendig ins Blickfeld der Kritik gerieten (XXIX), Neid und Missgunst herrschen auch hier.

3. Religiöse Motive:

Religiöse Motive und Handlungen werden völlig von ihrem christlichen, ja von ihrem religiösen Wesen entfremdet und nur zur Durchsetzung des Wunsches nach Bestrafung der gegen die - vermeintlich gottgewollte - Ordnung verstoßenden Bauern benutzt. So legt Neithart auch die Kleidung eines kirchlichen Würdenträgers wie eine weltliche Maske an, täuscht die Hinwendung zu Gott nur vor, um seine wahren Ziele zu erreichen. Gott dient auch in den Zeilen, die Neitharts Betrachtungen enthalten, nur zum Füllstoff und als Anrufungsobjekt. Dass christliche Prinzipien Neitharts Tun fern sind, ist ihm entweder ganz egal oder nicht bekannt. Seine dreiste Lästerung wirkt manchmal komisch, obwohl ich nicht sagen kann, auf welcher Seite der gewiss nicht sehr fromme Autor des Schwankbuchs dabei steht.

Schlussbemerkung

Der Kompilator/ Autor hat mit dem Schwankbuch vom „Neithart Fuchs“ einen „konsequente(n) Gesamttext“ (10, S.170) beabsichtigt und ist nicht weit von seinem Ziel angekommen. Es muss ihm eingeräumt werden, dass er eine umfangreiche Auswahl von Neidharten zu einem Schwankbuch vereinigt hat, das durch den Wechsel von Sommer und Winter, sowie den Handlungsorten Wien und Zeiselmaur so weit rhythmisch geworden ist, dass die Monomanie des Helden dem Leser nicht zu lästig wird. Durch Anleihen erotisch-drastischer Dichtung hat der Kompilator dem Publikumsinteresse folgend, auch die andere Seite Neidhartscher Poesie betont und weitergeführt. Er hat die Ursache des Konflikts zwischen dem legendären Neithart Fuchs und den Bauern im Veilchenraub angesetzt und das Schwankbuch zielsicher mit seinem Abgesang beendet. Der längst überflüssig gewordene schlechte Ruf des Kompilators sollte vergessen werden. Nachdem das Schwankbuch mit den sozialen Veränderungen der nachfolgenden Jahrhunderte an Publikumsinteresse verloren hat, sollte seine Bedeutung nun nicht mehr länger wegen angeblicher Anzüglichkeit in Frage gestellt werden. Viele Fragen, die auch diese Arbeit offen lassen musste, konnten wegen der Scheu der Forschung vor diesem vermeintlich minderwertigen Werk von mir nicht zufriedenstellend behandelt werden.

 

Quellen

Ausgaben:

(I) Narrenbuch. Kalenberger. Peter Leu. Neithart Fuchs. Markolf. Bruder Rausch. Hrsg. von Felix Bobertag. Berlin und Stuttgart: Spemann, 1884. 

(II) Die Lieder Neidharts. Hrsg. von Edmund Wießner. Fortgeführt von Hanns Fischer. 4. Aufl., revidiert von Paul Sappler. Mit einem Melodienanhang von Helmut Lomnitzer. Tübingen: Max Niemeyer, 1984. (=ATB 44)

(III) Die Lieder Oswalds von Wolkenstein. Hg. von Karl Kurt Klein. 2., neubearb. u. erw. Ausg. von Hans Moser, N. R. Wolf und N. Wolf. Tübingen: Max Niemeyer, 1975. (=ATB 55)

Sekundärliteratur:

(1) Beyschlag, Siegfried: Neidhart und Neidhartianer. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite, völlig neu bearb. Auflage, hrsg. v. Kurt Ruh. Berlin, New York: de Gruyter, Bd.6, 1987, pp. 871-893.

(2) Boueke, Dietrich: Materialien zur Neidhart-Überlieferung. München: Beck, 1967. (MTU 16)

(3) Brill, Richard: Die Schule Neidharts. Eine Stiluntersuchung. Berlin: Mayer & Müller, 1908. (Palaestra XXXVII)

(4) Jöst, Erhard: Literarische und ikonographische Korrelation im Mittelalter. Das Neithart-Grabmal in Wien. In: Österreich in Geschichte und Literatur 20, 1976, pp.332-350.

(5) Jöst, Erhard: Bauernfeindlichkeit. Die Historien des Ritters Neithart Fuchs. Göppingen: Kümmerle, 1976. (=GAG 192)

(6) Killy, Walter: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. 3. Band. Gütersloh, München: Bertelsmann Lexikonverlag, 1989. 

(7) Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenlexikon. 24., überarbeitete Auflage, bearbeitet von Erich Henschel und Richard Kienast. Leipzig: Hirzel, 1944

(8) Rupp, Heinz: Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: Deutschunterricht 14, H. 2, 1962, S.29-48.

(9) Simon, Eckehard: Neidharte und Neidhartianer. In: (3) Brunner, Horst (Hrsg.): Neidhart. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1986. (Wege der         Forschung; Bd. 556) pp.197-250.

(10) Strohschneider, Peter: Schwank und Schwankzyklus, Weltordnung und Erzählordnung im „Pfaffen vom Kalenberg“ und im „Neithart Fuchs“. In: Kleinere Erzählformen im Mittelalter. Hg. von K. Grubmüller, L.P. Johnson, H.-H. Steinhoff. Paderborn, München,             Wien, Zürich, 1988. A. 151-171.

(11) Wießner, Edmund: Vollständiges Wörterbuch zu Neidharts Liedern. Leipzig: Hirzel, 1954.

(12) Wießner, Edmund: Kommentar zu Neidharts Liedern. Leipzig: Hirzel, 1954.

©Matthias Zarbock. Alle Rechte vorbehalten.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.