Der deutsche literarische Surrealismus

– Versuch einer Annäherung als work in progress

Zu mir: Ich schreibe dies mit meinem Wissen und meinen Meinungen, die ich seit mehr als 30 Jahren in der Beschäftigung mit dem Thema erlangt habe. Ohne wissenschaftlichen Anspruch oder den, die Wahrheit zu kennen – und ohne einen Auftrag, außer dem, dass ich glaube, dass das Thema Beachtung verdient und noch nicht hinreichend beschrieben wurde.
 

Deutscher Surrealismus vor dem 2. Weltkrieg? 

Wenn vom deutschsprachigen Surrealismus die Rede ist, so beginnt dieser nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Die Vielfalt der Kultur(en) in der Weimarer Republik weckt aber Zweifel an der These, dass es keinen Surrealismus im deutschsprachigen Raum gab, als die Bewegung des Surrealismus von Frankreich aus ihren weltweiten Triumphzug antrat. Auch sind „Einzelkämper:innen“ bekannt, die im deutschsprachigen Raum zumindest ihre Herkunft hatten und zweifellos sehr früh Teil des Surrealismus waren. Damit ist auch die Bezugnahme, wenn nicht gleich der Ausgangspunkt des Surrealismus, der Dadaismus, in Erinnerung zu rufen. So wie der Surrealismus übernational war, in der Erfahrung und als Folge des 1. Weltkriegs sein musste, war es auch der Dadaismus. Dem Erfolg des Dadaismus wird zugeschrieben, dass die Verbreitung des Surrealismus in Deutschland nicht stattgefunden hat. Und tatsächlich war der Dadaismus „sehr deutsch“ und der Surrealismus nahm zwar darauf Bezug, war aber auch „sehr wenig deutsch“. Als Stichworte der Trennung der beiden Bewegungen seien hier genannt: Unterbewusstsein, Phantasie, Provokation, Revolution, Bildlichkeit, Experiment – hier gab es unterschiedliche Bezugnahmen, Interpretationen und zugleich unterschiedliche Gewichtungen. Während der Dadaismus sich in Deutschland in der Empörung über ihn verbrauchte und in der Sprachverwitterung unübersetzbar wurde, versuchte der Surrealismus über den Dadaismus hinweg zu schreiten. Dass dabei „sehr deutsches“, wie die Frühromantik oder die Psychoanalyse in Frankreich für den Surrealismus „entdeckt“ wurden, während sie in Deutschland nicht als nützliche Quellen oder Bezugssysteme für eine revolutionäre Kunstströmung gehalten wurde, lässt Alain Bosquet schließen: „ Man wusste, dass außerhalb Frankreichs eine derartige geistige Revolte nicht notwendig war: Deutschland hatte Jean Paul, Novalis, Brentano, Hoffmann, Hölderlin, Tieck, die der Aufklärung und der Vernunft viel zugestanden haben, ohne sich aber auf sie zu beschränken.“ Schlicht: Die Produkte des Geistes Frankreichs und Deutschlands bereicherten die Kulturen gegenseitig; die unmittelbar nachfeudale Weimarer Republik hatte als Produkt der deutschen Geschichte weniger Verwendung für den Surrealismus als die in der gleichen durch das Trauma des 1. Weltkrieges befindliche Republik.

Deutscher Surrealismus nach dem 2. Weltkrieg? 

Die weitgehende Unkenntnis des Surrealismus zur „Stunde Null“ bekannten auch die Dichter und Übersetzer, die dem deutschen Nachkriegssurrealismus zugerechnet werden und nach anderen Berührungspunkten in den Jahren 1968 bis 1971 im Henssel Verlag Berlin das Jahrbuch „SPEICHEN“ in kollektiver Redaktion herausgaben. Ohne sie zu einer Gruppe zu verklären, erst recht nicht im Vergleich zu den Surrealisten um Breton, beschrieben wir, Maximilian Barck und ich, sie als „Umkreis der SPEICHEN“.

Dazu gehörten: 

Richard Anders (1928-2012), Gerd Henniger (1930-1990), Johannes Hübner (1921-1977), Joachim Klünner (geboren 1924), Lothar Klünner (1922-2012), Joachim Uhlmann (1925-20), Rudolf Wittkopf (1933-1997).

Die Unkenntnis über den Surrealismus der Anfangsjahre liegt zum einen in der kulturellen Abschottung und Gleichschaltung des Nazi-Reichs begründet, zum weiteren im Lebensalter der Akteure. Aus dem weiteren Umkreis, zu dem Walter Aub (1922-2017) gehörte, gibt es zur künstlerischen Anfangszeit der Autoren Auskünfte (Abbildung eines Briefes zum Thema sie unten), die nahelegen, dass zuerst der Drang nach geistiger Befreiung vorherrschte. Im Prozess der Aneignung dessen, was bis zum Kriegsende nicht verfügbar war, gehörte der Surrealismus weder zum ersten, noch zum abschließenden Einfluss.

(Fortsetzung folgt)

Brief von Walter Aub

Abbildung: Brief von Dr. Walter Aub vom 21.2.2007

©Matthias Zarbock. Alle Rechte vorbehalten.

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